Mein Kind wird später in die Tagespflege gehen – Welche Weichen können wir von Anfang an stellen für eine gute Eingewöhnung?
- Tiger Rudel Autorin

- 1. Juli
- 5 Min. Lesezeit

Die Vorbereitung beginnt früher, als viele Eltern denken. Wenn Eltern erfahren, dass sie ein Kind erwarten, beschäftigen sie sich mit unzähligen Fragen. Welche Erstausstattung wird benötigt? Wie soll das Kinderzimmer aussehen? Welche Kinderärztin oder welcher Kinderarzt ist in der Nähe? Und irgendwann kommt auch die Frage auf, wie die Betreuung später aussehen wird.
Für viele Familien steht bereits früh fest, dass ihr Kind irgendwann eine Tagespflege oder Kita besuchen wird. Oft geschieht dies aus beruflichen Gründen, manchmal aus organisatorischen, manchmal auch ganz bewusst, weil Eltern den sozialen Austausch und die Erfahrungen in einer Betreuungsgruppe schätzen.
Dennoch begleitet viele Eltern ein ungutes Gefühl. Sie fragen sich, ob sie ihr Kind ausreichend vorbereiten können. Ob es ihnen vielleicht schwerfallen wird, loszulassen. Oder ob ihr Kind später Schwierigkeiten haben könnte, sich an die neue Situation zu gewöhnen.
Die meisten Menschen suchen nach Antworten erst wenige Wochen oder Monate vor der Eingewöhnung. Doch tatsächlich beginnt die wichtigste Vorbereitung auf die Tagespflege bereits viel früher, nämlich mit den alltäglichen Erfahrungen, die ein Kind von Geburt an macht.
Die gute Nachricht ist: Sie müssen euer Kind nicht „trainieren“, um später ohne Sie zurechtzukommen. Sie müssen es nicht frühzeitig abhärten oder daran gewöhnen, möglichst unabhängig zu sein. Was Kinder wirklich brauchen, ist etwas ganz anderes.
Kinder brauchen keinen Schubs in die Selbstständigkeit
Eine der hartnäckigsten Vorstellungen in der Erziehung lautet, dass Kinder möglichst früh lernen sollten, alleine zurechtzukommen. Eltern hören häufig Sätze wie:
„Du darfst sie nicht zu sehr verwöhnen.“
„Er muss lernen, auch mal ohne Mama zu sein.“
„Wenn du immer sofort reagierst, wird sie später nur noch anhänglicher."
Doch die Bindungsforschung zeichnet seit Jahrzehnten ein anderes Bild.
Kinder werden nicht selbstständig, weil man sie von sich wegschiebt. Sie werden selbstständig, weil sie sich sicher genug fühlen, sich von uns zu entfernen. Wer schon einmal ein Kleinkind auf einem Spielplatz beobachtet hat, kennt dieses Verhalten. Das Kind läuft los, entdeckt etwas Spannendes, spielt mit anderen Kindern und schaut zwischendurch immer wieder kurz zu seinen Eltern zurück. Es überprüft unbewusst: Bist du noch da? Dieser Blick ist kein Zeichen von Unsicherheit. Im Gegenteil. Er zeigt, dass das Kind einen sicheren Hafen hat, zu dem es jederzeit zurückkehren kann.
Genau dieses Gefühl hilft Kindern später auch dabei, sich auf neue Menschen und Umgebungen einzulassen.
Die ersten Lebensjahre sind keine Generalprobe für Trennung
Manche Eltern versuchen unbewusst, ihr Kind früh auf spätere Trennungen vorzubereiten. Sie hoffen, dass ihr Kind dadurch den Übergang in die Tagespflege leichter bewältigt. Dabei wird häufig übersehen, dass Kinder Trennung nicht üben müssen. Sie müssen Vertrauen aufbauen. Ein Baby, das getragen werden möchte, denkt nicht an Selbstständigkeit. Es sucht Sicherheit. Ein Kleinkind, das nach einem Sturz auf den Arm möchte, versucht nicht, die Eltern zu manipulieren. Es sucht Trost. Ein Kind, das nach einer aufregenden Situation Nähe braucht, zeigt kein Fehlverhalten. Es tut genau das, wofür Bindung gedacht ist.
Je häufiger Kinder erleben, dass ihre Bezugspersonen verlässlich reagieren, desto stärker wird ihr Vertrauen in die Welt und in sich selbst. Paradoxerweise entsteht genau daraus später die Fähigkeit, auch einmal ohne die Eltern auszukommen.
Andere Bezugspersonen sind kein Risiko, sondern eine Chance
Ein weiterer wichtiger Baustein für spätere Übergänge ist die Erfahrung, dass auch andere Menschen verlässlich sein können. Kinder müssen nicht ausschließlich mit ihren Eltern zusammen sein, um eine sichere Bindung aufzubauen. Tatsächlich profitieren viele Kinder davon, wenn sie früh positive Erfahrungen mit Großeltern, Tanten, Onkeln oder engen Familienfreunden machen.
Dadurch lernen sie, dass Geborgenheit nicht an eine einzige Person gebunden ist. Natürlich bedeutet das nicht, ein Kind möglichst häufig abzugeben. Entscheidend ist die Qualität der Beziehung und nicht die Anzahl der Betreuungspersonen. Ein Kind, das erlebt, dass mehrere Menschen liebevoll, verlässlich und feinfühlig auf seine Bedürfnisse eingehen, entwickelt häufig eine größere Offenheit gegenüber neuen Bezugspersonen.
Das kann den späteren Einstieg in die Tagespflege erleichtern.
Frustration gehört zum Leben und Kinder dürfen sie erleben
Viele Eltern möchten ihre Kinder vor Enttäuschungen schützen. Das ist verständlich. Niemand sieht sein Kind gerne traurig, frustriert oder wütend. Dennoch gehört auch der Umgang mit kleinen Herausforderungen zur Vorbereitung auf das Leben. Dabei geht es nicht darum, Kinder bewusst schwierigen Situationen auszusetzen. Vielmehr geht es darum, sie durch solche Situationen zu begleiten.
Wenn ein Kind versucht, einen Turm zu bauen und dieser immer wieder umfällt, muss nicht sofort ein Erwachsener eingreifen. Wenn ein Kind einen Konflikt mit einem anderen Kind erlebt, braucht es nicht immer eine sofortige Lösung. Kinder dürfen erfahren, dass Schwierigkeiten zum Leben gehören und dass sie in der Lage sind, viele davon selbst zu bewältigen. Was sie dabei brauchen, ist die Gewissheit, dass jemand da ist, falls sie Unterstützung benötigen.
Gefühle ernst nehmen statt wegreden
Eine Fähigkeit, die Kindern später in der Tagespflege enorm hilft, ist der Umgang mit den eigenen Gefühlen. Kinder müssen nicht lernen, niemals traurig zu sein. Sie müssen auch nicht lernen, Abschiede ohne Tränen zu bewältigen. Viel wichtiger ist die Erfahrung, dass ihre Gefühle ernst genommen werden.
Wenn ein Kind Angst hat, hilft es wenig zu sagen: „Du brauchst keine Angst zu haben.“ Wenn ein Kind traurig ist, hilft es selten zu hören: „Ist doch nicht schlimm.“ Kinder lernen den Umgang mit Gefühlen nicht dadurch, dass wir sie wegreden. Sie lernen ihn dadurch, dass wir sie begleiten. Wer erlebt, dass Angst, Traurigkeit oder Frust ausgehalten werden dürfen, entwickelt mit der Zeit die Fähigkeit, auch schwierige Situationen zu bewältigen.
Was wir in der Tagespflege immer wieder beobachten
Nach vielen Jahren in der Kindertagespflege fällt uns immer wieder etwas auf: Die Kinder, die sich am leichtesten auf neue Situationen einlassen, sind nicht unbedingt die Kinder, die schon früh besonders unabhängig waren. Oft sind es die Kinder, die zuhause einen sicheren Hafen erleben. Kinder, die wissen, dass sie getröstet werden. Kinder, die erfahren haben, dass ihre Gefühle ernst genommen werden. Kinder, die sich auf ihre Eltern verlassen können.
Natürlich gibt es keine Garantie für eine unkomplizierte Eingewöhnung. Jedes Kind bringt sein eigenes Temperament, seine eigene Persönlichkeit und seine eigenen Erfahrungen mit. Doch immer wieder zeigt sich, dass Sicherheit und Vertrauen oft die beste Grundlage für neue Erfahrungen sind.
Kurz vor der Eingewöhnung
Wenn der Beginn der Tagespflege näher rückt, geraten viele Familien unter Druck. Plötzlich scheinen alle eine Meinung zu haben. Das Kind müsse jetzt lernen, ohne die Eltern auszukommen. Die Abschiede müssten möglichst schnell erfolgen. Das Weinen müsse ignoriert werden. Doch Kinder funktionieren nicht nach einem Trainingsplan.
Eine gelungene Eingewöhnung bedeutet nicht, dass ein Kind möglichst schnell aufhört zu weinen. Eine gelungene Eingewöhnung bedeutet, dass ein Kind Schritt für Schritt Vertrauen zu einer neuen Bezugsperson aufbauen darf. Dieser Prozess braucht Zeit.
Und Zeit ist keine Schwäche der Eingewöhnung, sondern ihre Stärke. Manche Eltern sind überrascht, wenn ihr Kind nach einer gelungenen Eingewöhnung fröhlich in die Tagespflege läuft, sich sofort ins Spiel vertieft und kaum noch zurückblickt. Manchmal schmerzt das sogar ein wenig. Dabei steckt darin oft etwas sehr Schönes.
Ein Kind, das sich sicher fühlt, muss seine Eltern nicht ständig festhalten. Es weiß, dass sie wiederkommen. Es vertraut darauf, dass die Beziehung bestehen bleibt, auch wenn Mama oder Papa gerade nicht sichtbar sind. Wenn Kinder loslassen können, bedeutet das oft nicht, dass die Bindung schwächer geworden ist. Es bedeutet, dass sie stark genug geworden ist. Denn das Ziel einer sicheren Bindung ist nicht, dass Kinder uns festhalten. Das Ziel ist, dass sie sich sicher genug fühlen, loszulassen.
Und genau deshalb beginnt die beste Vorbereitung auf die Tagespflege nicht einige Wochen vor dem ersten Betreuungstag. Sie beginnt mit jedem liebevollen Moment von Nähe, Vertrauen und Verlässlichkeit, vom ersten Tag an.





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