Gemeinsam wachsen – Inklusion in der Tagespflege
- Tiger Rudel Autorin

- 23. Juli
- 11 Min. Lesezeit

Als wir unsere Qualifizierung zur Kindertagespflege absolvierten, hatten wir vermutlich alle ein ähnliches Gefühl. Nach unzähligen Unterrichtsstunden, Hospitationen, Prüfungen und den ersten eigenen Erfahrungen fühlten wir uns gut vorbereitet auf das, was vor uns lag. Und das ist auch richtig so. Die Ausbildung vermittelt uns das notwendige Fundament, auf dem wir unseren Beruf aufbauen können. Sie gibt uns pädagogische Grundlagen, vermittelt Wissen über Entwicklung, Bindung, Ernährung, Gesundheit, Kommunikation und den gesetzlichen Rahmen unserer Tätigkeit.
Doch so wichtig diese Grundlagen auch sind, sie können uns niemals auf jedes einzelne Kind vorbereiten, das eines Tages unsere Tür öffnen wird.
Vielleicht ist genau das einer der schönsten, aber auch anspruchsvollsten Aspekte unseres Berufes.
Kein Kind gleicht dem anderen. Jedes bringt seine eigene Persönlichkeit, seine eigene Familiengeschichte, seine eigenen Erfahrungen und seine ganz individuellen Bedürfnisse mit. Manche Kinder sind vom ersten Tag an offen und neugierig, andere beobachten ihre Umgebung zunächst lieber aus sicherer Entfernung. Einige entwickeln ihre Sprache besonders früh, andere drücken sich lange Zeit lieber über Gestik, Mimik oder ihr Spiel aus. Manche Kinder benötigen klare Strukturen, andere blühen gerade dann auf, wenn sie möglichst viel Freiheit zum Entdecken erhalten.
Diese Unterschiede gehören zur Kindheit. Sie machen Kinder nicht schwieriger oder einfacher, sie machen sie einzigartig.
Gerade deshalb beginnt professionelle Kindertagespflege nicht dort, wo wir glauben, bereits alle Antworten zu kennen. Sie beginnt dort, wo wir bereit sind, immer wieder neue Fragen zu stellen.
Kinder verändern sich. Forschung auch.
Es wäre vermessen zu glauben, dass das Wissen, das wir vor zehn oder zwanzig Jahren erworben haben, heute noch ausreicht, um allen Kindern gerecht zu werden. Die Entwicklungspsychologie gehört zu den Wissenschaften, die sich in den vergangenen Jahrzehnten besonders stark weiterentwickelt haben. Unser Verständnis von Bindung, frühkindlichem Lernen, Sprachentwicklung, Neurodiversität oder Traumapädagogik hat sich in vielen Bereichen grundlegend verändert. Dinge, die früher als reine Erziehungsfragen betrachtet wurden, verstehen wir heute häufig wesentlich differenzierter.
Denken wir nur an Autismus. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren viele Vorstellungen über das Autismus-Spektrum von Vorurteilen geprägt. Heute wissen wir, dass Autismus nicht „den einen Autisten“ beschreibt, sondern ein breites Spektrum unterschiedlichster Ausprägungen umfasst. Zwei Kinder mit derselben Diagnose können völlig unterschiedliche Stärken, Interessen und Unterstützungsbedürfnisse haben. Ähnliches gilt für ADHS, Sprachentwicklungsstörungen oder sensorische Besonderheiten. Diagnosen helfen dabei, bestimmte Verhaltensweisen besser einzuordnen. Sie ersetzen jedoch niemals den Blick auf das einzelne Kind.
Gerade deshalb endet unsere Ausbildung nicht mit dem Zertifikat. Sie beginnt dort eigentlich erst. Die Forschung bestätigt diesen Gedanken inzwischen sehr deutlich. Mehrere europäische Übersichtsarbeiten zeigen, dass kontinuierliche Fortbildungen pädagogischer Fachkräfte nicht nur deren Fachwissen erweitern. Sie verbessern nachweislich auch die Qualität der pädagogischen Arbeit und wirken sich positiv auf die sprachliche, soziale und emotionale Entwicklung der betreuten Kinder aus, insbesondere dann, wenn neues Wissen nicht nur theoretisch vermittelt, sondern gemeinsam reflektiert und im Alltag praktisch umgesetzt wird.
Diese Erkenntnis ist bemerkenswert. Sie zeigt nämlich, dass Weiterbildung weit mehr ist als das Sammeln neuer Zertifikate oder Teilnahmebescheinigungen. Letztlich profitieren nicht wir als Fachkräfte am meisten davon, sondern die Kinder, die wir begleiten.
Vielleicht sollten wir Fortbildungen deshalb auch nicht als Pflicht verstehen, sondern als Ausdruck professioneller Verantwortung.

Wenn ein Kind unsere gewohnten Wege infrage stellt
Früher oder später begegnet jede Kindertagespflegeperson einem Kind, das sie vor neue Fragen stellt. Vielleicht fällt dem Kind das Sprechen deutlich schwerer als Gleichaltrigen. Vielleicht reagiert es außergewöhnlich sensibel auf Geräusche oder Berührungen. Manche Kinder vermeiden Blickkontakt, andere geraten durch kleinste Veränderungen im Tagesablauf sichtbar aus dem Gleichgewicht. Wieder andere leben mit einer körperlichen Einschränkung oder einer chronischen Erkrankung, die den Alltag beeinflusst.
Nicht immer gibt es bereits eine Diagnose. Häufig beobachten Eltern und Kindertagespflegepersonen zunächst nur, dass ein Kind sich anders entwickelt als erwartet oder Unterstützung in Bereichen benötigt, die bei anderen Kindern scheinbar selbstverständlich verlaufen.
Gerade diese Situationen können Unsicherheit auslösen. Das ist menschlich und keineswegs ein Zeichen mangelnder Kompetenz. Im Gegenteil: Wer Verantwortung übernimmt, wird immer wieder an den Punkt kommen, an dem das eigene Wissen nicht mehr ausreicht. Entscheidend ist nicht, ob uns das passiert. Entscheidend ist, wie wir darauf reagieren.
Ziehen wir uns zurück, weil wir Angst haben, etwas falsch zu machen?
Oder beginnen wir, Fragen zu stellen? Lesen Fachliteratur. Besuchen Fortbildungen.
Tauschen uns mit Kolleginnen und Kollegen aus. Suchen das Gespräch mit Frühförderstellen, Therapeutinnen oder Kinderärzten.
Und vor allem: Beobachten wir das Kind weiterhin mit ehrlicher Neugier, anstatt vorschnell Schlüsse zu ziehen. Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen Erfahrung und Professionalität. Erfahrung bedeutet, viele Kinder begleitet zu haben. Professionalität bedeutet, trotz dieser Erfahrung niemals aufzuhören, dazuzulernen.
Wenn ein Kind unsere gewohnten Wege verändert
Früher oder später kommt in nahezu jeder Kindertagespflege der Moment, in dem uns ein Kind begegnet, das unsere bisherige Erfahrung erweitert. Nicht, weil wir unseren Beruf plötzlich nicht mehr beherrschen würden, sondern weil Kinder so vielfältig sind, dass sie sich niemals vollständig in Lehrbücher oder Ausbildungskonzepte einordnen lassen.
Vielleicht ist es ein Kind, das kaum spricht und sich hauptsächlich über Gestik, Mimik oder sein Spiel mitteilt. Vielleicht fällt es ihm schwer, Blickkontakt aufzunehmen oder Veränderungen im Tagesablauf auszuhalten. Manche Kinder reagieren besonders sensibel auf Geräusche, Berührungen oder bestimmte Materialien. Andere wirken ständig in Bewegung, finden nur schwer zur Ruhe oder benötigen deutlich mehr Zeit, um sich auf neue Situationen einzulassen. Wieder andere leben mit einer körperlichen Einschränkung, einer chronischen Erkrankung oder einer seltenen genetischen Besonderheit.
Nicht jedes dieser Kinder bringt bereits eine Diagnose mit. Und selbst wenn eine Diagnose vorliegt, beantwortet sie längst nicht alle Fragen. Gerade darin liegt eine der größten Herausforderungen unserer Arbeit. Diagnosen können Orientierung geben. Sie helfen dabei, bestimmte Verhaltensweisen besser einzuordnen, passende Unterstützung zu organisieren oder den Austausch mit Fachkräften zu erleichtern. Gleichzeitig bergen sie die Gefahr, dass wir unbewusst beginnen, zuerst die Diagnose zu sehen und erst danach das Kind. Dabei erinnert uns die moderne Entwicklungspsychologie immer wieder daran, dass Diagnosen keine Persönlichkeiten beschreiben. Sie beschreiben Muster.
Zwei Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung können unterschiedlicher kaum sein. Das eine sucht den engen Kontakt zu anderen Kindern, das andere zieht sich lieber zurück. Das eine liebt feste Routinen, das andere überrascht seine Bezugspersonen jeden Tag mit neuen Interessen. Ähnliches gilt für Kinder mit ADHS, Down-Syndrom, Sprachentwicklungsstörungen oder anderen Entwicklungsbesonderheiten. Forschung der vergangenen Jahre zeigt immer deutlicher, wie groß die individuelle Vielfalt selbst innerhalb derselben Diagnose sein kann.
Deshalb rücken Fachleute heute zunehmend von pauschalen Annahmen ab und empfehlen stattdessen, jedes Kind zunächst als eigenständige Persönlichkeit kennenzulernen.
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse, die wir als Kindertagespflegepersonen verinnerlichen können. Nicht die Diagnose entscheidet darüber, wie wir einem Kind begegnen. Das Kind entscheidet darüber.
Sein Temperament. Seine Interessen. Seine Familie. Seine bisherigen Erfahrungen.
Und nicht zuletzt seine ganz persönlichen Stärken.
Denn genau diese geraten im Alltag leider viel zu schnell in den Hintergrund. Sobald ein Kind eine Diagnose erhält, sprechen Erwachsene häufig darüber, was dieses Kind nicht kann oder womit es Schwierigkeiten hat. Dabei geraten seine Fähigkeiten oft unbeabsichtigt aus dem Blick.
Vielleicht baut dieses Kind stundenlang konzentriert die beeindruckendsten Bauwerke.
Vielleicht besitzt es ein außergewöhnliches Gedächtnis. Vielleicht beobachtet es seine Umwelt mit einer Aufmerksamkeit, die anderen Kindern entgeht. Vielleicht begegnet es Tieren mit einer bemerkenswerten Ruhe oder zeigt eine Kreativität, die Erwachsene immer wieder staunen lässt.
Je länger wir mit Kindern arbeiten, desto deutlicher wird, dass jeder Mensch Fähigkeiten besitzt, an die wir pädagogisch anknüpfen können. Genau dort beginnt gelingende Förderung. Nicht bei der Frage, welche Defizite ausgeglichen werden müssen, sondern bei der Überlegung, wie wir vorhandene Stärken nutzen können, um neue Entwicklungsschritte zu ermöglichen.
Dieser Blickwinkel verändert nicht nur unsere Arbeit. Er verändert auch die Beziehung zum Kind. Kinder spüren erstaunlich genau, ob Erwachsene in ihnen vor allem ein Problem sehen, das gelöst werden muss, oder einen Menschen, den es kennenzulernen gilt. Wer sich ernsthaft für ein Kind interessiert, seine Signale beobachtet und bereit ist, die eigene Arbeitsweise immer wieder zu hinterfragen, schafft eine Grundlage, auf der Vertrauen entstehen kann.
Vielleicht ist das der wichtigste Unterschied zwischen Erfahrung und echter Professionalität.
Erfahrene Kindertagespflegepersonen haben viele Kinder begleitet.
Professionelle Kindertagespflegepersonen wissen, dass jedes neue Kind sie trotzdem wieder etwas Neues lehren kann.

Warum wir nicht alles wissen müssen und genau deshalb gute Begleiter sein können
Je länger wir mit Kindern arbeiten, desto deutlicher wird uns eine Erkenntnis, die zunächst fast widersprüchlich klingt: Gute Kindertagespflege bedeutet nicht, auf jede Situation sofort die richtige Antwort zu kennen.
Vielleicht fällt es gerade Menschen, die ihren Beruf mit großer Leidenschaft ausüben, besonders schwer, sich das einzugestehen. Wir möchten den Kindern gerecht werden, Eltern Sicherheit vermitteln und unserem eigenen Anspruch entsprechen. Begegnen wir dann einem Kind, dessen Bedürfnisse wir noch nicht vollständig verstehen, entsteht schnell das Gefühl, mehr wissen zu müssen oder dem Kind nicht ausreichend helfen zu können.
Dabei verlangt niemand von einer Kindertagespflegeperson, gleichzeitig Logopädin, Ergotherapeutin, Psychologin, Kinderärztin oder Traumapädagogin zu sein.
Unsere Aufgabe besteht nicht darin, alle Fachbereiche selbst abzudecken. Unsere Aufgabe besteht darin, Kinder aufmerksam zu beobachten, ihre Entwicklung ernst zu nehmen und zu erkennen, wann weiteres Wissen oder zusätzliche Unterstützung sinnvoll sein können.
Gerade hierin zeigt sich professionelle pädagogische Arbeit. Sie bedeutet nicht, alles allein lösen zu wollen, sondern zu wissen, wann Zusammenarbeit notwendig wird. Eltern kennen ihr Kind häufig besser als jeder andere Mensch. Therapeutinnen und Therapeuten verfügen über spezialisiertes Fachwissen. Frühförderstellen, Kinderärztinnen und Kinderärzte oder Beratungsstellen bringen wiederum andere Perspektiven mit. Erst wenn diese verschiedenen Erfahrungen zusammenkommen, entsteht ein Gesamtbild, das dem einzelnen Kind wirklich gerecht werden kann.
Vielleicht fällt es uns manchmal schwer, um Rat zu fragen, weil wir dies als Zeichen mangelnder Kompetenz empfinden. Tatsächlich ist häufig genau das Gegenteil der Fall. Wer bereit ist, Fragen zu stellen, Fachliteratur zu lesen, Fortbildungen zu besuchen oder sich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen, zeigt nicht Unsicherheit, sondern Professionalität.
Die Wissenschaft bestätigt diese Haltung inzwischen deutlich. Untersuchungen aus der Frühpädagogik zeigen, dass kontinuierliche Fort- und Weiterbildungen die Qualität pädagogischer Arbeit nachhaltig verbessern. Besonders wirksam sind dabei nicht einzelne Seminare, sondern Lernprozesse, in denen neue Erkenntnisse reflektiert, gemeinsam diskutiert und anschließend im Alltag ausprobiert werden. Von dieser Entwicklung profitieren letztlich vor allem die Kinder, weil pädagogische Fachkräfte flexibler auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen können und ihr Repertoire an Handlungsmöglichkeiten stetig erweitern.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Fortbildungen als lästige Pflicht oder notwendige Nachweise zu betrachten. Viel treffender wäre es, sie als Ausdruck einer Haltung zu verstehen, die unseren gesamten Beruf prägt: der Bereitschaft, gemeinsam mit den Kindern weiterzulernen.
Inklusion zeigt sich nicht in Förderplänen, sondern im Alltag
Wenn über Inklusion gesprochen wird, denken viele Menschen zunächst an Therapien, Förderpläne oder spezielle Förderangebote. All diese Maßnahmen können wichtig sein und für manche Kinder einen entscheidenden Unterschied machen. Dennoch findet der größte Teil kindlicher Entwicklung nicht während einer Therapiestunde statt, sondern mitten im Alltag.
Kinder lernen, während sie frühstücken, miteinander spielen, sich streiten, sich wieder versöhnen, Bücher anschauen oder gemeinsam einen Turm bauen. Sie lernen beim Schuheanziehen, beim Händewaschen und beim Warten, bis sie an der Reihe sind. Gerade diese scheinbar unspektakulären Situationen bieten unzählige Gelegenheiten, Sprache, Motorik, soziale Kompetenzen und Selbstständigkeit ganz selbstverständlich in den Alltag einzubinden.
Die Frühpädagogik spricht in diesem Zusammenhang von Embedded Instruction, also einer Förderung, die bewusst in alltägliche Situationen integriert wird. Zahlreiche Studien der vergangenen Jahre zeigen, dass Kinder, insbesondere Kinder mit Entwicklungsbesonderheiten, von dieser Form der Begleitung erheblich profitieren können. Neue Fähigkeiten werden nicht losgelöst vom täglichen Leben geübt, sondern genau dort, wo sie später auch gebraucht werden. Dadurch fällt es Kindern häufig leichter, Gelerntes langfristig anzuwenden und auf neue Situationen zu übertragen.
Gerade hierin liegt eine besondere Stärke der Kindertagespflege. Unser Alltag ist nicht in Unterrichtsstunden unterteilt, sondern lebt von gemeinsamen Erfahrungen. Wir begleiten Kinder über viele Stunden hinweg in ganz unterschiedlichen Situationen und erleben ihre Entwicklung nicht nur in einzelnen Fördermomenten, sondern im gesamten Tagesverlauf. Dadurch entstehen immer wieder Gelegenheiten, Kinder dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Vielleicht benötigt ein Kind Unterstützung beim Formulieren seiner Wünsche. Ein anderes braucht mehr Zeit, um Konflikte selbst zu lösen. Wieder ein anderes sammelt gerade die ersten Erfahrungen im gemeinsamen Spiel mit anderen Kindern. All diese Entwicklungsschritte müssen nicht künstlich erzeugt werden. Häufig entstehen sie genau dann, wenn wir aufmerksam beobachten, geduldig begleiten und den Mut haben, alltägliche Situationen als wertvolle Lerngelegenheiten zu erkennen.
Vielleicht besteht gelungene Inklusion deshalb gar nicht darin, möglichst viele besondere Angebote zu schaffen. Vielleicht zeigt sie sich vielmehr darin, dass ein Kind am ganz normalen Alltag teilhaben kann, mit der Unterstützung, die es braucht, aber ohne ständig das Gefühl zu haben, anders zu sein als alle anderen. Denn letztlich wünschen sich Kinder mit besonderen Bedürfnissen genau das, was sich jedes andere Kind ebenfalls wünscht: dazugehören, ernst genommen werden, Freundschaften schließen, Neues entdecken und jeden Tag ein kleines Stück selbstständiger werden.

Was alle Kinder von Inklusion lernen
Wenn über Kinder mit besonderen Bedürfnissen gesprochen wird, richtet sich der Blick verständlicherweise zunächst auf das einzelne Kind. Es geht um passende Unterstützung, individuelle Förderung und die Frage, welche Rahmenbedingungen notwendig sind, damit dieses Kind sich gut entwickeln kann.
Deutlich seltener stellen wir uns jedoch eine andere Frage: Welche Auswirkungen hat Inklusion eigentlich auf die übrigen Kinder der Gruppe? Die Antwort darauf ist ebenso spannend wie ermutigend. Kinder begegnen Unterschieden zunächst mit einer Offenheit, die Erwachsene häufig überrascht. Sie bemerken selbstverständlich, wenn ein anderes Kind anders spricht, mehr Zeit für bestimmte Aufgaben benötigt oder sich auf eine ungewöhnliche Weise ausdrückt. Gleichzeitig bewerten sie diese Unterschiede meist weit weniger, als wir Erwachsenen vermuten. Viel häufiger interessieren sie sich dafür, wie ihr Gegenüber spielt, was es gerne macht oder ob es Lust hat, gemeinsam eine Burg zu bauen.
Vorurteile gehören nicht zur natürlichen Entwicklung eines Kindes. Sie entstehen im Laufe des Lebens durch Erfahrungen, Sprache und gesellschaftliche Einflüsse. Gerade deshalb kommt der frühen Kindheit eine so große Bedeutung zu. Wenn Kinder bereits in den ersten Lebensjahren erleben, dass Menschen unterschiedlich lernen, unterschiedlich kommunizieren und unterschiedliche Unterstützung benötigen, wird Vielfalt für sie zu einem selbstverständlichen Teil ihres Alltags.
Das bedeutet nicht, dass Kinder Unterschiede ignorieren. Im Gegenteil. Sie nehmen sie sehr genau wahr. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass sie diese zunächst nicht mit Wertungen verbinden. Erwachsene sehen häufig zuerst die Diagnose oder die Einschränkung. Kinder sehen häufig zuerst den Menschen. Für die gesamte Gruppe entstehen dadurch wertvolle Lerngelegenheiten, die sich weder planen noch künstlich herstellen lassen. Kinder erleben, dass Rücksichtnahme nicht bedeutet, jemanden zu bemitleiden. Sie erfahren, dass Hilfe anzubieten genauso selbstverständlich sein kann wie Hilfe anzunehmen. Sie lernen Geduld, wenn ein anderes Kind mehr Zeit benötigt, und entwickeln Empathie, weil sie erleben, dass jeder Mensch Stärken und Herausforderungen mitbringt.
Diese Erfahrungen lassen sich kaum durch Bücher oder Erklärungen ersetzen. Sie entstehen im gemeinsamen Alltag, beim Spielen, beim Essen, beim Anziehen oder beim Lösen kleiner Konflikte. Genau dort entwickelt sich ein Verständnis füreinander, das Kinder oft ein Leben lang begleitet. Auch wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass gut gestaltete inklusive Betreuungssettings nicht ausschließlich Kindern mit besonderen Bedürfnissen zugutekommen. Vielmehr profitieren alle Kinder von einem sozialen Umfeld, in dem Unterschiedlichkeit als selbstverständlich erlebt wird und gegenseitige Unterstützung zum normalen Bestandteil des Miteinanders gehört. Vielleicht unterschätzen wir Kinder manchmal. Vielleicht trauen wir ihnen zu wenig zu. Denn häufig sind nicht sie es, die Berührungsängste haben. Es sind wir Erwachsenen.
Ein Beruf, der niemals aufhört zu lernen
Kindertagespflege gehört zu den wenigen Berufen, in denen sich die eigentliche Arbeit niemals vollständig planen lässt. Natürlich helfen uns Erfahrung, Fachwissen und eine gute Vorbereitung. Dennoch begegnen wir jeden Tag Kindern, die uns überraschen, Fragen stellen oder neue Perspektiven eröffnen. Genau darin liegt die Lebendigkeit unseres Berufes. Vielleicht ist das der Grund, weshalb gute Kindertagespflegepersonen niemals behaupten würden, bereits alles zu wissen.
Je länger Menschen in pädagogischen Berufen arbeiten, desto deutlicher erkennen sie häufig, wie viel es noch zu entdecken gibt. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse verändern unseren Blick auf frühkindliche Entwicklung. Gesellschaftliche Veränderungen bringen neue Herausforderungen mit sich. Familien werden vielfältiger, Diagnosen werden differenzierter beschrieben und unser Wissen über Bindung, Sprache, Neurodiversität oder Traumapädagogik entwickelt sich kontinuierlich weiter.
All das bedeutet nicht, dass frühere Generationen schlechter gearbeitet hätten. Sie haben Kinder nach dem Wissen begleitet, das ihnen damals zur Verfügung stand. Genau dieselbe Verantwortung tragen wir heute. Auch wir arbeiten mit dem besten Wissen unserer Zeit – und gleichzeitig mit der Bereitschaft, dieses Wissen immer wieder zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Definition von Professionalität. Nicht die Anzahl besuchter Fortbildungen. Nicht die Länge unserer Berufserfahrung. Denn vielleicht besteht die größte Stärke unseres Berufes nicht darin, dass wir Kinder verändern. Vielleicht besteht sie darin, dass Kinder uns verändern. Sie fordern uns heraus, genauer hinzusehen. Sie zeigen uns neue Wege, erinnern uns daran, Gewohntes zu hinterfragen, und machen uns immer wieder bewusst, dass Entwicklung niemals nach einem festen Plan verläuft.
Kinder mit besonderen Bedürfnissen lehren uns deshalb weit mehr als den Umgang mit Inklusion.
Sie erinnern uns daran, warum wir diesen Beruf überhaupt gewählt haben.
Weil jedes Kind einzigartig ist. Und weil genau darin seine größte Stärke liegt.
Unser Fazit
Vielleicht werden wir niemals jedem Kind vollständig gerecht werden. Nicht, weil es uns an Engagement fehlt, sondern weil jedes Kind eine eigene Welt mitbringt, die sich nicht vollständig verstehen lässt. Vielleicht liegt Professionalität deshalb gar nicht darin, auf jede Situation vorbereitet zu sein. Vielleicht zeigt sie sich vielmehr in der Bereitschaft, einem Kind immer wieder neu zu begegnen. Mit Offenheit, mit Respekt und mit der Neugier, noch einmal von vorne zu beginnen.
Kinder mit besonderen Bedürfnissen erinnern uns daran, dass Entwicklung niemals nach einem festen Plan verläuft. Sie erinnern uns aber auch an etwas, das wir im Alltag leicht vergessen: Jedes Kind ist in irgendeiner Weise besonders. Manche Besonderheiten sehen wir sofort, andere entdecken wir erst nach Wochen oder Monaten. Manche erhalten einen medizinischen Namen, andere bleiben einfach Teil einer einzigartigen Persönlichkeit.
Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe der Kindertagespflege deshalb gar nicht darin, Kinder an unsere Konzepte anzupassen. Vielleicht besteht sie darin, unsere Konzepte immer wieder so weiterzuentwickeln, dass möglichst viele Kinder darin ihren Platz finden können.
Denn gute Pädagogik beginnt nicht dort, wo wir glauben, alles zu wissen. Sie beginnt dort, wo wir bereit sind, niemals aufzuhören zu lernen.






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